4.6.2020
Blog

Public Affairs Flaute: Warum Rückzug der falsche Weg ist

von
Katharina Tielsch
Lesedauer: 4 Minuten

Der Bundestag erlaubt in seinen Ausschüssen vorübergehend die Abstimmung per Videokonferenz, Parteien veranstalten Videostammtische und Webinare, diverse Gremiensitzungen auf allen politischen Ebenen lassen sich über Livestream verfolgen, Bürgermeister bieten Online-Sprechstunden live auf Facebook an und das Bundesgesundheitsministerium informiert auf TikTok zu COVID-19. Ich könnte diese Liste beliebig weiterführen. Mit der Corona-Pandemie hat sich die Kommunikation auf allen politischen Ebenen noch stärker in den digitalen Raum verlagert als sie es schon vorher getan hat. Für die Public Affairs Arbeit bringt dies allerhand Chancen mit sich. Chancen, die es jetzt zu nutzen gilt.

Der Mythos vom Stillstand

Doch was ist passiert? Viele Unternehmen haben ihre Kommunikationsaktivitäten eingefroren – Stillstand auf (fast) allen externen Kanälen. Projekte und Kampagnen wurden gestoppt. „Auf-Sicht-Fahren“ so lautete die Parole. Der Fokus lag allenfalls auf der internen Kommunikation. Auch Public Affairs Aktivitäten wurden in den letzten Monaten dramatisch heruntergefahren. Eine fatale Fehlentscheidung. Ebenso wie der Irrglaube, in der Politik drehe sich jetzt alles um Corona und es herrsche an anderen Themen gar kein Interesse. Viele Mandatsträger hätten jetzt andere Prioritäten, so das Credo, man werde den Kontakt zu relevanten Stakeholdern zu gegebener Zeit nach und nach wieder aufnehmen.

Wirklich Stillstand? Gremien auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene kommen nach wie vor zusammen, beraten, treffen Entscheidungen. Agenden werden weiter abgearbeitet. Hintergrundgespräche werden geführt. Von Stillstand kann also nicht die Rede sein. In Zeiten von Home-Office, Abstandsregelungen und sozialer Distanz gilt es einmal mehr, Präsenz zu zeigen, sich einzubringen und den sachlichen sowie fachlichen Austausch mit politischen Stakeholdern zu pflegen. Gerade in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft auf Expertise und Know-How jedweder Art angewiesen ist, wird dies nicht nur gewünscht, sondern erwartet – schließlich erlauben es die digitalen Möglichkeiten. Kreativität ist gefragt.

Mutig sein: Zeit für neue Formate

Die Offenheit seitens der Politik gegenüber der Nutzung neuer digitaler Formate war im Übrigen noch nie so groß. Diese Bereitschaft ist eine gute Gelegenheit, um neue Formate zu planen und auszuprobieren. Viele Politikerinnen und Politiker haben ihre Social-Media-Aktivitäten um einiges intensiviert. Möglicherweise erreichen Sie den ein oder anderen jetzt sogar besser als je zuvor. Fragen Sie sich, wie Sie Ihren Stakeholdern einen echten Mehrwert bieten können. Projekte und Ideen, die Sie bislang aus Zeitnot oder Zögerlichkeit auf die lange Bank geschoben haben, können Sie möglicherweise gerade jetzt gut in Angriff nehmen. Digitale Dialoge gehören schon zum Alltag, vielleicht lässt sich die ein oder andere geplante Veranstaltung ja auch digitalisieren? Eine gute Portion unkonventionelles Denken schadet an dieser Stelle nicht.

Es ist kein Geheimnis, dass gute Beziehungen nur dann von Dauer sind, wenn wir viel Zeit und Mühe investieren. Nutzen Sie also die Zeit, um Ihre Kontakte nicht einschlafen zu lassen oder, noch besser, um Ihr bestehendes Netzwerk zu erweitern. Seien Sie nicht nur ansprechbar, sondern sichtbar. In diesen Zeiten lohnt es sich einmal mehr, über den Tellerrand hinauszuschauen – und über den Schreibtisch im Home-Office sowieso.

Das Ende der persönlichen Begegnung?

Viele digitale Formate werden sicherlich (und hoffentlich) auch „nach Corona“ bleiben und künftig selbstverständlicher in den Alltag von Politik und Unternehmen einfließen. Eine Frage, die sich aufdrängt: Brauchen wir den persönlichen Kontakt, die Begegnung dann überhaupt noch? Ja, brauchen wir! Keine Frage: Wir alle merken in dieser Zeit, dass es nicht für jeden Anlass ein persönliches Treffen braucht, dass wir auf den ein oder anderen Weg künftig durchaus verzichten können und dass für einen großen Teil unserer Meetings die Videokonferenz völlig ausreicht.

Für den Aufbau von Vertrauen ist Vertraulichkeit unbedingte Voraussetzung. Und da bleibt die persönliche Begegnung auch in Zukunft elementar. Denn sie schafft Nähe und steht für die Verbindlichkeit des gesprochenen Wortes. Sie transportiert Emotionen und ermöglicht direktes und ungefiltertes Feedback. Sie erlaubt den informellen Austausch am Rande eines Events. Nicht zuletzt ist die (physische) Anwesenheit bei einem Treffen oder die Teilnahme an einer Veranstaltung immer auch ein Zeichen der Anerkennung und ein probates Mittel, um Respekt und Interesse zu zeigen.

Kurzum: Die persönliche Begegnung bleibt neben digitalen Formaten ein zentrales Instrument für die politische Kontaktpflege und für die Einflussnahme auf politische Entscheidungsprozesse. Gute Public Affairs Arbeit braucht sowohl digitale als auch analoge Formate. Das Beste aus zwei Welten, wenn man so will. Vor allem aber braucht sie Kontinuität – auch oder besonders in Krisenzeiten.

Sie brauchen Unterstützung? Wir helfen Ihnen gerne – digital und bald hoffentlich auch wieder „von Angesicht zu Angesicht“.


Autor
Katharina Tielsch
Beraterin
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