22. April 2020

Warum Schweigen manchmal wirklich Gold sein kann oder „Wie viele Corona-Extras braucht es bis zum Lagerkoller?“

Ich glaube, ich bin nur noch ein “Extra Breaking News Brennpunkt Corona im Fokus” davon entfernt, dem linearen Fernsehen zu entsagen, bis alles vorbei ist. Wann auch immer das sein mag. 2022 vielleicht. Gerüchteweise. Eventuell. Ich bin kein Virologe.

 

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft verschiedenste Experten jetzt schon erklärt haben, dass ein Impfstoff noch dauert, dass das Virus nicht plötzlich verschwinden wird und dass niemand genau sagen kann, wie lange die Social Distancing Maßnahmen noch nötig sein werden.

 

Egal, wohin man schaltet: Corona ist schon da und hat einen Schwung mehr oder weniger ratloser Experten mitgebracht, die mehr oder weniger sachlich ihre Erkenntnisse und Meinungen mit der lagerkollerigen Öffentlichkeit vor den Geräten teilen. Man muss ihnen hoch anrechnen, dass sie dabei keine Jogginghosen tragen. Weniger dankbar bin ich inzwischen aber für das Dauerfeuer der Nicht-Information, das wie ein apokalyptischer Ersatz des alten TV-Lagerfeuers daherkommt. Allabendlich versammelt sich Deutschland jetzt also vor den Fernsehern, um in Sonder-Brennpunkten eigentlich nichts Neues zu hören und schon gar nichts, was Online-Medien und die Tagesschau nicht ohnehin schon berichtet hätten.

 

Corona hier, Corona da. Überall immer wieder dieselben Inhalte, dieselben Gesichter, dieselben Informationen. Als ob es noch eine einzige Person gäbe, der bisher nicht aufgefallen wäre, dass eine globale Pandemie unser normales Leben aus seinen Fugen geschleudert hat wie einen nicht angeschnallten Crash Test Dummy aus einem Test-Auto.

 

Was alle mit der heißen Nadel der Homeoffice-Redaktionen gestickten Formate allerdings außer Acht lassen, ist die Tatsache, dass das Publikum selbst längst hautnah dabei ist. Überall wird stets betont, dass wir alle im selben Boot sitzen und trotzdem wird das Boot täglich so ausführlich vorgestellt wie ein Produkt im Teleshopping.

 

Verstehen Sie mich nicht falsch: Information ist gut und wichtig. Sie zu wiederholen ist in Situationen wie diesen notwendig. Aber dazu reichen die Formate, die etabliert sind: Nachrichten, Informationskampagnen (wie die ‚Gemeinsam gegen Corona‘ Spots) und wenn nötig eben auch mal eine Ansprache der Bundeskanzlerin. Denn das sind die Wege, die das Publikum bereits kennt und zu denen es Vertrauen aufgebaut hat. Natürlich können auch neue Kanäle sinnvoll sein. Und zwar dann, wenn sie einen informativen Mehrwert bieten. Ein Paradebeispiel ist zum Beispiel der NDR-Podcast mit Virologe Christian Drosten.

 

Wenn aktuell aber an allen Ecken und Enden plötzlich neue Formate auftauchen, die eigentlich keinen Mehrwert haben, hat das einen eher kontraproduktiven Effekt. Die Menschen reagieren mit Ablehnung und sind immer weniger empfänglich für relevante Informationen. Sie sind übersättigt.

 

Es ist also auch ein Kommunikationsproblem, dass es zu ‚Öffnungsdiskussionsorgien‘, wie Frau Merkel sie liebevoll getauft hat, kommen konnte. Die stetige Berichterstattung über Öffnungen – vielleicht demnächst irgendwann man weiß es nicht – hat bei der Bevölkerung nicht nur Begehrlichkeiten geweckt. Sie vermittelte auch, dass es an der Zeit sei, locker zu lassen. Einige nahmen das leider zu wörtlich.

Das Resultat: Abstand halten scheint den meisten Menschen wieder eher optional und Virologen mahnen, die zweite Infektionswelle nicht zu unterschätzen.

 

Was lehrt uns das? Das auch zu viel Kommunikation schädlich sein kann. Damit ist nicht jede Form von Kommunikation gemeint. Die, die einen Mehrwert bringt, ist gut und wichtig. Aber solche, die keine Neuigkeiten beinhaltet, kann viel eher zu Frustration und Unverständnis führen. Und Kommunikation, die Menschen etwas erklärt, was sie schon wissen – zum Beispiel wie der Alltag in Zeiten von Corona aussieht – stößt bei ihnen auf wenig Gegenliebe. Nicht umsonst hatten viele der eher auf Unterhaltung ausgelegten Sondersendungen niedrige Einschaltquoten.

 

Denn auch in Zeiten der Krise gilt es sich zu fragen, welche Bedürfnisse die Zielgruppe hat. Sie will informiert werden, aber nicht mit leeren Meldungen überschwemmt. Und vielleicht will sie manchmal auch einfach ein bisschen Ablenkung von der Situation, in der wir alle gerade stecken.


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