2. Oktober 2019

Warum es wichtig ist, sich mehr als die eigene Wahrheit anzuhören

Greta Thunberg ist Klimaaktivistin, aber ein Kind. Diese zwei Tatsachen haben erst einmal nichts miteinander zu tun. Sie stehen in keinem eindeutigen kausalen Zusammenhang. Es gibt keinen faktischen Beleg dafür, dass ein Kind kein Klimaaktivist sein kann. Das Wort „aber“ ist nützlich. Es hilft uns, Zweifel auszudrücken, abzuwägen oder Gegensätze zu veranschaulichen. Allerdings kann es Kommunikation auch im Keim ersticken. „Aber“ wird dann problematisch, wenn es genutzt wird, um nicht nur einem Argument zu begegnen, sondern einem Diskutanten seine Qualifikation abzusprechen.

 

Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, werden zu „Gutmenschen“ und Frauen, die für Gleichberechtigung auf die Straße gehen sind „Emanzen“. Teenager, denen der Klimaschutz am Herzen liegt, sind plötzlich „Kinder“, wo man sie an anderer Stelle gerne schon „junge Erwachsene“ nennt. Wir machen uns die Welt widdewidde wie sie uns gefällt.

 

Die ethische Ausrichtung oder die Gruppenzugehörigkeit einer Person wird in den Vordergrund gerückt, Argumente werden gar nicht erst diskutiert. Das ist eine beliebte Taktik, um Personen, deren Position als unangenehm empfunden wird, einfach aus dem Diskurs auszuschließen. Sie ist effizient – und brandgefährlich.

 

Wer andere Perspektiven im Vorhinein als irrelevant abstempelt, tötet jede Grundlage für eine sinnvolle Diskussion und ignoriert, dass es mehr als eine Wahrheit gibt.

 

Wahrheit ist ein Begriff, über den sich trefflich streiten lässt – ich mache an dieser Stelle jetzt bewusst keinen Exkurs zum Konstruktivismus, weil das zu weit führt – und der nie wirklich eindeutig ist. Was für mich die Wahrheit ist, kann für einen anderen völlig absurd sein. Wahrheit ist nicht universell. Sie ist situativ und stark von der Perspektive abhängig, von der man auf sie blickt.

 

Dass sich die Erde um die Sonne dreht, war schließlich auch die „Wahrheit“, bis Galileo Galilei die Menschheit eines Besseren belehrte. In einem gesellschaftlichen Diskurs knallen verschiedene Wahrheiten aufeinander, reiben sich und finden – im Optimalfall – eine neue Wahrheit, in der die unterschiedlichen Perspektiven aufgehen können.

 

Was passiert aber, wenn eine Gruppe und ihre Perspektive einfach aus dem Diskurs geschoben werden? Ihr Standpunkt verschwindet. Damit kann er kein Teil der Lösung werden. Wer sich aus der Diskussion und der Suche nach Lösungen ausgeschlossen fühlt, wird Widerstand ausbilden. Und der kann unangenehmer werden, als einer Gruppe gleich zu Anfang einen Platz in der Debatte einzuräumen.

 

In einer Demokratie sind alle Perspektiven gleichberechtigt, solange sie grundgesetzkonform sind und niemandem Schaden zufügen wollen – egal, wie unangenehm sie sind.

 

Wer zukunftsfähig bleiben will, tut gut daran, sich auch die lauten Stimmen derer anzuhören, die einen völlig konträren Standpunkt zum eigenen einnehmen. Nur wenn sich die Industrie genau anhört, was Fridays for Future und die Wissenschaft fordern, kann sie auf diese Debatte reagieren und sich bewegen.

 

Das Klima-Thema wird auf absehbare Zeit nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden. Erst recht nicht, solange die Debatte so häufig die Sachebene verlässt wie aktuell. Es erspart allen Beteiligten Zeit und Nerven anzuerkennen, dass persönliche Merkmale hier keine Rolle spielen – sondern Argumente und Fakten.

 

Argumente und Fakten müssen dabei nicht zwangsläufig mit dem übereinstimmen, was man selbst für die Wahrheit hält. Die wichtigste Grundlage für Diskussion und Fortschritt ist nämlich, dass man in seinen Ansichten veränderungsbereit ist. Sonst bleibt alles für immer wie es ist.

 

Funfact am Rande: Galileo wollte man auch zuerst nicht glauben. Die Kirche hat dafür gesorgt, dass er sehr lange aus dem Diskurs ausgeschlossen blieb. Gebracht hat es ihr rein gar nichts. Heute glaubt niemand mehr, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Weil es nicht mehr die Wahrheit ist.

 

Der Schlüssel zu einem konstruktiven Diskurs, ist Kommunikation und damit echter Austausch. Wenn sich zum Beispiel die Industrie Zeit nimmt, sich offen und ehrlich mit Klimaschützern auszutauschen, ohne ihre Argumente von vornherein abzulehnen, kann ein fruchtbarer Dialog beginnen. Vielleicht ist klimaeffiziente Innovation der nächste Schritt zu zukunftsfähiger Industrie. Warum nicht mit denen darüber sprechen, denen das Thema am Herzen liegt? Im Austausch der Positionen kann auf beiden Seiten neue Einsicht reifen.

 

Am Ende ist diese Reibung von unterschiedlichen Standpunkten, die eine Demokratie funktionieren lässt. Demokratie bedeutet Pluralität. Und da, wo Menschen unterschiedlicher Ansichten zusammenkommen, um gemeinsam etwas besser zu machen, funktioniert sie am besten.

 


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