18.11.2020
Blog

Politische Berichterstattung nach der US-Wahl 2020: „Und worüber schreiben wir jetzt?“

  • Nach der Abwahl von Donald Trump öffnet sich die Möglichkeit für eine Stunde Null in der politischen Berichterstattung der USA
  • Neue Trends politischer Berichterstattung etablierten sich schon vor der Präsidentschaft von Donald Trump – auch in Deutschland
  • Während Inhalte und Tonalität in den Vereinigten Staaten immer schärfer werden, beruft man sich in Deutschland auf journalistisch-ethische Grundregeln
von
Marvin Brümmer
Lesedauer: 4 Minuten

Die Wahl zum 46. Präsidenten der USA mündete in einem echten Wahlkrimi. Nicht zuletzt wegen einer tagelangen Berichterstattung, die mit Spannung jede kleinste Veränderung der Stimmauszählung in den kritischen „Swing States“ aufgriff: Sowohl in der amerikanischen als auch in der internationalen Öffentlichkeit drehte sich alles um die Zukunft der Vereinigten Staaten.

Am Ende dieses medialen Spektakels kürten sich dann gleich zwei Präsidenten zum Sieger: Der Designierte - Joe Biden – fand bereits in seiner ersten Stellungnahme präsidiale Worte der Versöhnung. Der Scheidende – Donald Trump – wütete und polterte in gewohnter Manier und zog die Legitimität von Wahl und Ergebnis in Zweifel.

So weit, so erwartbar. Etwas, war dann aber doch anders: Während mehrerer Pressekonferenzen beschworen Trump und sein Team bei noch laufender Stimmauszählung den Vorwurf eines vermeintlich systematischen Wahlbetrugs. Als Reaktion unterbrachen aber nicht nur große Nachrichtensender wie ABC und NBC die Liveübertragungen. Selbst Trumps „Haus-Sender“ und mediales Sprachrohr Fox News schnitt ihm schlussendlich das Wort ab.

Wenige Tage später wendete sich auch die konservative New York Times in einem emotionalen Editiorial gegen Trumps ausufernde Kritik an den amerikanischen Wahlinstitutionen. Ein absolutes Novum in seiner vierjährigen Amtszeit. Werden die Amerikaner damit nun Zeugen einer „Mediendämmerung“ oder bleibt doch alles beim Alten? Und was bedeutet das für die politische Berichterstattung in Deutschland?

 

Im Westen nichts Neues

Die Frage, was nach Donald Trump bleibt, ist berechtigt – insbesondere aus der medialen Perspektive. Auch Kommunikatoren müssen sich für die erfolgreiche Public Affairs Arbeit auf dem Parkett der politischen Berichterstattung sicher bewegen können. Wichtig zu wissen: Nahezu analog zu den Veränderungen der politischen Kommunikation insgesamt, hat sich auch die politische Berichterstattung der Medien gewandelt.

Dabei ist jemand wie Donald Trump allerdings mehr ein Symptom als der Ursprung dieses Paradigmenwechsels. In den USA, aber auch in anderen Staaten der westlichen Welt, wurden die „neuen" Modi des Politainments – also der Verbindung von Politik und Unterhaltung – schon lange vor der Präsidentschaft Trumps etabliert. „Medienkanzler“ Gerhard Schröder ließ einst salopp verlauten: „Zum Regieren brauche ich nur Bild, BamS und Glotze“.

Seither finden sich auch in der deutschen Politikberichterstattung Trends der Boulevardisierung, Entertainisierung und Personalisierung. Man denke nur an die Bandbreite abendlicher Fernseh-Talkshows, in denen prominente Politiker neben Stars und Sternchen Platz nehmen und dazu eingeladen sind, das komplexe politische Geschehen in 20-sekündigen Halbsätzen herunterzubrechen. Ein schwieriges Umfeld, in dem eine geschulte Sprechfähigkeit unabdinglich ist.

Warum aber herrschen dann in Deutschland nicht schon längst amerikanische Verhältnisse? Weil es sie in Deutschland eben doch noch gibt, die„typisch deutschen“ Kontrollmechanismen. Da wäre zum Beispiel das duale Rundfunksystem. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk – so kritikwürdig er in einzelnen Facetten auch sein mag – bietet mit seinen demokratischen Beiratsstrukturen doch einen gewissen Schutz.

Dieser konnte zwar nicht die Änderung in den Formaten politischer Berichterstattung aufhalten, wohl aber – im Gegensatz zum privatisierten Mediensystem der USA – die willkürliche Diktion von Inhalten durch Politiker und/oder Parteien. Das Gros deutscher Journalisten orientiert sich in der politischen Berichterstattung außerdem an den Leitlinien des deutschen Pressekodex und am Ehrenkodex der internationalen Journalistenföderation.

Beide umfassen journalistisch-ethische Grundregeln, die auch zum Schutz einer „political correctness“ konstruiert sind. Derartige Ehrenkodices gibt es zwar auch schon seit den 20er Jahren in den USA, sie werden jedoch häufig von der Liberalisierung und Kommerzialisierung des US-amerikanischen Mediensystems überschattet.

 

Der Ton macht die Musik

Political correctness ist auch ein gutes Schlagwort, um zu demonstrieren, wie weit die politische Berichterstattung in Deutschland und den USA auseinanderliegt. Die Formate mögen sich angenähert haben. Das ist auch gar nicht weiter schlimm und unter dem Gesichtspunkt von mehr Bürgernähe und im Parteienwettbewerb um besondere Interessen sogar durchaus wünschenswert.

Die„neuen“ Modi bieten daher auch Chancen für die effektive Medienarbeit von Kommunikatoren, um politische und mediale Stakeholder in Dialog zu bringen. Noch wichtiger ist aber, was und wie berichtet wird. Die Inhalte und die Tonalität unterscheiden sich in der deutschen und amerikanischen Berichterstattung aufgrund der oben genannten Schutzmechanismen noch immer stark.

Mit Trump ist der Ton in der amerikanischen Öffentlichkeit schärfer geworden – rauer. „Fake News“ und „alternative Fakten“ begleiteten ihn auf dem Weg ins Amt. Auch in Deutschland erleben wir wieder stärker die verbale Ausgrenzung von Minderheiten, Hate-Speech und die „Salonfähigkeit" plumper Stammtischparolen.

Vor allem in den sozialen Netzwerken ist dieser Trend zu beobachten. Das heißt: Noch wird den Demagogen und politischen Hetzern in Deutschland nicht bewusst die große mediale Bühne bereitet. Durch die wachsende Popularität in ihren eingeschworenen Netz-Communities finden ihre Botschaften jedoch als „Kontroverse über die Kontroverse“ auch zunehmend Einzug in die Berichterstattung des Mainstreams – eine unbeabsichtigte und bedenkliche Rückkopplung.

 

Der amerikanische Patient oder „Nach Trump ist vor Trump“

Es ist zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss, wie sich die Medienlandschaft in den USA nach Trump künftig entwickeln wird, ob die politische Berichterstattung gesundet oder nicht. Der scheidende Präsident kennt die Macht der Medien: Nachdem er den Rückhalt seiner einst engsten Verbündeten von Fox News verloren hat, kündigte Donald Trump an, den Sender „zerstören“ zu wollen.

Recht nützlich, wenn man bedenkt, dass er ohnehin bereits die Gründung eines eigenen Medienimperiums beabsichtigen soll. Mit Blick auf den tiefen Riss, den seine Präsidentschaft in der amerikanischen Gesellschaft hinterlässt, dürfte ein Medienmogul Trump aber mindestens ebenso bedenklich sein wie ein Präsident Trump.

Sein Auf- und Abstieg zeigt vor allem eines sehr deutlich: Die politische Berichterstattung ist längst starken Umbrüchen unterworfen. Immer öfter tangiert sie in Überschneidungen auch die Arbeit von Kommunikatoren aller Coleur. Um sich auch in diesem dynamischen und komplexen Umfeld sicher bewegen zu können, braucht es Dialog- und Sprechfähigkeit heute mehr denn je – und gute Berater. Ob im Bereich Public Affairs oder in der klassischen Medienarbeit: Mit uns an Ihrer Seite, verschaffen Sie sich überall Gehör. Sprechen Sie uns gerne dazu an!

Autor
Marvin Brümmer
Berater
+49 211 515805 – 20
m.bruemmer@vomhoff.de