31.8.2021
Blog

Geht’s noch grüner als grün?

  • Die „Öko-Partei“ hat nicht nur das politische Parkett erobert – ihre Themen sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen
  • Grüne Transformation beeinflusst zusehends Politik und Wirtschaft
  • Bei Krisenkommunikation wird das Eis schnell dünn
von
Peter Ring
Lesedauer: 3 Minuten

Grün ist längst nicht mehr wegzudenken, Grün ist nicht nur freitags und Grün bleibt die Farbe der Hoffnung. Es ist die Nachhaltigkeit des Grüns, die Einzug in Wirtschaft und Politik gehalten hat. Grüne Transformation auf der einen Seite, Greenwashing auf der anderen – zwischen diesen Polen pendeln viele Wirtschafts- und Politikvertreter:innen mit ihrer Hybrid-Dienstwagenflotte.

CO2, Erderwärmung, Hitzewellen und Hochwasser: Längst sorgt das unsichere Weltklima auch für ein unsicheres politisches Klima – Windenergie, E-Mobilität, Solarzellen? Keine Partei möchte in diesen (Wahlkampf-)Zeiten von der Konkurrenz in den Schatten gestellt werden. Was also tun? Ganz einfach: Grüne Gedanken inhalieren und bei jeder Gelegenheit betroffen ins Mikrofon hauchen.

Von der Politik zur persönlichen Performance

Manche Politiker:innen begeben sich dafür auch auf dünnes Eis, wenn mal wieder Krisenkommunikation im Zeichen des Klimawandels betrieben werden muss. Es ist traurig, aber wahr: Kaum ein Tag vergeht, an dem die Kanzlerkandidat:innen nicht von einem Schwarm von Journalist:innen umzingelt durch die Hochwassergebiete der Bundesrepublik stapften.

Da werden bald täglich sofortige Soforthilfen und so weiter und so fort versprochen… Da sieht man einen mehr oder weniger betrübt schauenden Armin Laschet (zumindest, wenn er im Bilde ist, dass er im Bild ist), der seinen Führungsanspruch in harten Zeiten schon mal im Bewusstsein verankern möchte.

Wahlweise im Schlepptau oder in der Nachbarstadt taucht ein so sprachgewandter wie erschöpfter Olaf Scholz auf, um sich zu Wort zu melden. Es wird um Vertrauen geworben – in die allgemeine Handlungsfähigkeit der Verantwortungsgemeinschaft und die spezielle Zuverlässigkeit der Kandidat:innen.

Im Unterschied zu den üblichen Betroffenheitsbesuchen bei schweren Unglücken ist man sich zwischenzeitig einig, dass das Hochwasser von heute eben kein Unglück oder Zufall mehr ist, dass auch Hitzewellen und Waldbrände nicht nur auf unfassbare Brandstifter:innen zurückzuführen sind, sondern auf dem Boden des realen Klimawandels entstehen.

Surfen auf der Welle des neuen Umweltbewusstseins

Pflegte die Parteienlandschaft noch vor wenigen Jahren die Philosophie der Kopf-in-den-Sand-Politik, des „Weiter so“ und „Mehr davon“, so scheint bei einigen Landesvertreter:innen ganz allmählich wenigstens etwas Demut Einzug zu halten, zumal mit Blick auf eine Mutter Natur, mit der nicht zu spaßen ist.

Umwelt, Natur, Klima: Sie drohen uns zurückzugeben, was wir ihnen und uns beschert haben. Der Ansatz „Nach uns die Sintflut“ geht nicht auf – das Wasser ist schon im Keller und die einstigen Kollateralschäden fluten den Kriegsschauplatz.

Da ist es nur naturgemäß, dass reflexartig auf der Welle des erstarkten Umweltbewusstseins gesurft wird. Es geht um nichts weniger als die trendgemäße Neudefinition des politischen Programms, die Nutzung von Betroffenheit – in beiderlei Wortsinn – um Führungs- und Machtansprüche zu zementieren.

Welche Parteifarbe auch vorherrscht, es mischt sich ein hungriges Grün hinein. Da umarmt der Anti-Grüne vor dem Herrn, Markus Söder, Bäume vor laufender Kamera und erklärt erst vor wenigen Wochen, man könne natürlich auch grüne Politik ohne die Grünen machen…

Da punkten die Kanzlerkandidaten Laschet und Scholz nicht nur bei den Schrittzählern ihrer Handys, sondern hoffen auf erdrutschartige Erfolge beim Wahlvolk. Und was macht das Zweigestirn Habeck und Baerbock? Sie müssen fast schon aufpassen, dass sie nicht rot anlaufen oder sich schwarzärgern, so schnell wandern ihre Ideen ins gegnerische Lager ab.

Also? Was tun? Genau: Turnschuhe ausziehen, ein Lächeln aufsetzen, zur Pressekonferenz auf grünem Rasen einladen und dem Veto-Ministerium den roten Teppich ausrollen. Nur so kann man den Klimakillern von morgen das Handwerk legen!

Kann man? Wirklich? Geht es denn da noch um Klimaschutz mit aller Macht – oder doch nur um Machtschutz? Ob Grün, ob Schwarz, ob Rot, ob Gelb – Politik, egal welcher Couleur, sollte sich nie der Ängste und Sorgen bedienen, echte Versprechen geben und über Wahlkämpfe mit Weitblick hinwegschauen.

Eine sinnvolle grüne Kommunikation sollte den Spagat zwischen Sagen und Tun schließen und Taten sprechen lassen. Klimaschutz fängt vor der Haustür an und reicht einmal um die Welt. Die Zeit hat gezeigt: Wir haben uns schon genug Eigentore geschossen, die Erdkugel darf nicht länger Spielball bleiben.

Autor:in
Peter Ring
Senior-Berater
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