1. Februar 2017

Mit Worten klingeln? Unser Plädoyer für eine verständliche Sprache

 

„Mit Worten klingeln“. Das ist der Titel eines Artikels, den wir kürzlich beim Aufräumen unseres Büros zwischen den Unterlagen fanden. Welcher Zeitschrift der Artikel entstammt,  ist uns nicht mehr bekannt. Datieren lässt er sich aber sehr wohl – und zwar auf den Beginn des Jahres 1971.

 

Warum das doch arg in Mitleidenschaft gezogene Blatt Papier diese vielen Jahrzehnte überstand? Vielleicht deshalb, weil das damalige Thema bis heute nicht an Aktualität eingebüßt hat: Durch den Klang der eigenen Worte lenkt man vortrefflich von dem Inhalt ab, der eigentlich kommuniziert werden sollte.

 

„Funktionelle Wachstumstendenz“. „Progressive Koalitionsflexibilität“. „Permanente Führungspotenz“.

 

Diese Wortungetüme sind lediglich drei Kreationen einer fast unerschöpflichen Menge an fachlich hochqualifiziert anmutenden Begriffen, die sich aus dem im Artikel beschriebenen „automatischen Schnellformulierungssystem“ ergeben können.

 

Dieses System wurde von Philipp Broughton entwickelt – laut unserem Fundstück ein ehemaliger Beamter im US-Gesundheitsdienst. Es handelt sich hier um einen Sprachbaukasten, durch den sich drei Arten von Begriffen beliebig zusammenfügen lassen. Die neu entstehenden Begriffe bestehen jeweils aus drei Wörtern: Sie setzen sich aus einem Eigenschaftswort, einem Hauptwort und einem Ergänzungswort zusammen.

 

Von jedem Typ gibt es zehn Varianten. Insgesamt ergibt dies zahlreiche Schlüsselwörter, die „im Grunde nicht mehr als ein künstlich hochgestochenes Wortgeklingel“ darstellen, wie es der Artikel von 1971 formuliert.

 

 

Der Sprechende vermittelt einen kompetenten Eindruck. Der Erkenntnisgewinn bleibt jedoch gering, genauso wie die Gefahr präziser Nachfragen. Anstatt offen und direkt zu kommunizieren, „klingelt“ man lieber mit Worten. Vom (Un-)Sinn & Zweck des sprachlichen Verwirrspiels handelt dieser Blog-Artikel.

 

„Manche Bereiche entziehen sich einer Beschleunigung“. Diesen wunderbar verpackten Satz konnte man im Sommer 2012 hören, als Berlins Erster Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs damaliger Ministerpräsident Matthias Platzeck in einer Pressekonferenz erklärten, dass der Berliner Flughafen nicht wie geplant Anfang Juli eröffnen werden könne.

 

Die Pressekonferenz? Wohl eher Realsatire! Fast 15 Minuten redeten die beiden Politiker von Verantwortung, Kenntnisständen und Sicherheit. Doch auf den klaren, deutlichen Satz, dass die Eröffnung verschoben wird, warten und warten die Zuhörer.

 

So aussageverweigernd die Einlassungen Wowereits und Platzecks wirken, wenn sie Wort für Wort noch einmal wiedergegeben werden, so leer klingen auch die immer wiederkehrenden Phrasen und Worthülsen.

 

Hier wird eine Variante des allseits beliebten Bullshit-Bingo gespielt: Das Ziel ist, möglichst viel mit Fachwörtern und rhetorischen Nebelkerzen um sich zu werfen. Gewonnen hat, wer keine einzige Frage beantwortet hat und wem der Zuhörer nicht mehr folgen kann.

 

Immer wieder liest man Pressemitteilungen, PR-Texte und Interviews, bei denen sich so mancher schon anstrengen muss, um den Sinn des Gesagten zu erfassen.

 

Gerade wenn es sich um komplexe Themen wie beispielsweise die Energiewende oder um die technischen Details eines Abgasskandals handelt, lassen sich viele Menschen durch sprachliche Finesse verunsichern und suchen die Fehler bei sich selbst. Doch das ist eher selten angebracht.  Wir fragten uns, welche Gründe es für dieses Wortgeklingel eigentlich gibt und haben verschiedene Ursachen ausfindig gemacht:

 

  • Bequemlichkeit: Man weiß durchaus, dass sein Publikum die verwendeten Formulierungen und Fremdwörter nicht versteht. Allerdings empfindet man es als zu müßig, aus diesem Grund seine Sprache zu überdenken.

 

  • Unwissenheit: Man war in seinem Alltag über einen langen Zeitraum hinweg nicht mehr in Kontakt mit Menschen außerhalb der eigenen „Peer Group“ (Achtung, Fremdwort!). Dadurch bemerkt man schlichtweg nicht, dass das Publikum die eigenen Formulierungen nicht versteht.

 

  • Absicht: Hier unterscheiden sich zwei Motive:

 

Absicht a: Man möchte in seiner eigenen Gemeinschaft bleiben. Innerhalb eines Unternehmens lässt sich durch die gestiegene Nutzung von speziellen englischen Business-Vokabeln („Wir haben den Approval in Accordance mit unseren Compliance-Richtlinien gebracht“) sehr schnell herausfinden, wer dazugehört und wer nicht.

 

Dasselbe gilt natürlich auch für den politischen und den Verwaltungsbereich. Präzis unverständliches Verwaltungsdeutsch verhindert seit jeher, dass Außenseiter den Weg in die Behörden finden. Das gilt erst recht für die Wissenschaftsgemeinschaft, in der es über viele Jahrzehnte geradezu ein Aufnahmeritual war, lateinische Redewendungen in die eigene wissenschaftliche Arbeit einzubauen.

 

Absicht b: Man möchte etwas verbergen. Für die Kommunikation einer Thematik werden ganz spezielle „Sprachregelungen“ geschaffen. Diese können natürlich aus juristischen Gründen sowohl in der Politik wie auch in der Wirtschaft notwendig sein. Allerdings werden sie auch oft genutzt, um Informationen unbemerkt zu unterschlagen oder unbequeme  Antworten zu vermeiden.

 

Der Bequemlichkeit ist zumeist mit einem kräftigen kommunikativen Tritt in den Allerwertesten beizukommen. Dem Unwissenden helfen in der Regel sehr klare und offene Worte seines Publikums. Wird jedoch absichtlich mit Worten geklingelt, dann bedeutet das eine größere Herausforderung für alle diejenigen, die an einer Verständlichkeit interessiert sind.

 

Wie wir wissen, dient das „Nicht-verstanden-werden-wollen“ einem konkreten Zweck: Das Gesagte soll nicht begriffen und somit auch nicht gegriffen werden. Im Rahmen einer Pressekonferenz kann das Wortgeklingel beispielsweise dazu führen, dass Journalisten es als unmöglich empfinden, präzise und wichtige Nachfragen zu stellen. Vielleicht sehen sie sogar ganz davon ab, Nachfragen zu stellen.

 

Als Kommunikationsberatung beziehen wir hier Stellung: Wir setzen auf Klarheit, Authentizität und Offenheit – und lehnen es ab, sich altbekannter Methoden der Verschleierung zu bedienen.

 

Ganz gleich ob in Form einer Rede, einer Pressekonferenz oder eines Infoblatts: Kommunikation hat vor allem zwei Funktionen: Sie soll informieren und überzeugen.

 

Es ist ganz im eigenen Interesse, auf Klarheit, Authentizität und Offenheit zu setzen. Der freie Wissenszugang steigt in unserer Gesellschaft stetig an. Wir kommunizieren zunehmend vernetzter. Informationen fließen durch unzählige Kanäle und sind somit viel schwieriger zu vertuschen als zu früheren Zeiten. Durch diese Entwicklung und dem seit Jahrzehnten ansteigenden Bildungsgrad entsteht eine aufgeklärte und kritische Bürgerschaft.

 

In der heutigen Zeit bleiben kommunikative Verzerrungen und Verfehlungen der Vergangenheit wesentlich länger haften. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt können sie aufgedeckt, wiederentdeckt und medial thematisiert werden – und dabei auf die kommunikativen Untäter zurückfallen.

 

Seien wir klug und setzen stattdessen von Anfang an auf die richtigen Werte.


ein Kommentar zu “Mit Worten klingeln? Unser Plädoyer für eine verständliche Sprache”


  • Dr. Gabriele Frings, Schreibcoach sagt:

    Hallo,

    „den Sinn des Gesagten erfassen“ – oder auch nicht, das ist in der Politik sicher meistenteils so gewollt. In der Politikersprache sollen nur gewisse Wörter mit Schlagkraft hängenbleiben, um so auf die öffentliche Meinungsbildung Einfluss zu nehmen. Denken wir nur an den Begriff „Flüchtlingswelle“.

    Ihr Artikel ist von 1971. Bereits früher, genauer 1957, schrieb Hans Magnus Enzensberger im SPIEGEL gegen Wortgeklingel und journalistischen Laberstil an. Diese Kritik hat er übrigens jüngst in einem SPIEGEL-Interview wiederholt, wo er von „Content-Lieferanten“, die ein „mangelhaftes Deutsch“ pflegen, spricht.

    Mit Worthülsen und Blähwörtern habe ich mich übrigens auch in einem meiner letzten Blogartikel befasst: http://schreibenundleben.com/das-geheimnis-des-ansprechenden-schreibstils-2/

    Zu diesem Thema wie auch zur faszinierenden Macht von Sprache werde ich sicher noch einiges posten 🙂

    Viele Grüße

    Gabriele
    schreibenundleben.com

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