20. Februar 2019

Artikel 13 oder die neue Macht der Influencer

„Artikel 13 der EU-Urheberrechtsreform“ – das hört sich nicht unbedingt nach einem Thema an, das die Jugend brennend interessiert oder gar auf die Straße treiben könnte.

 

Doch genau das bewirkt Artikel 13. Denn die möglichen Auswirkungen der Gesetzesreform könnte besonders die junge Generation zu spüren bekommen. Die Plattform YouTube bildet hier das prominenteste Beispiel: Allein in Deutschland verfolgen viele Millionen Menschen die Kanäle, Uploads und Live-Streams ihrer Lieblings-YouTuber. Dabei laden die YouTuber eigene Inhalte ebenso hoch wie Ausschnitte aus fremden Videos, fremde Bilder und Co. Bislang hafteten sie vollständig selbst für das Risiko eventueller Urheberrechtsverletzungen. So konnte jeder YouTuber stets frei darüber entscheiden, welches Material er oder sie hochlädt.

 

Das sieht der ominöse Artikel 13 vor

 

Das könnte sich mit der geplanten EU-Urheberrechtsreform ändern. Am heutigen Mittwoch entscheiden die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten im Europäischen Rat über die aktuelle Fassung der Urheberrechtsreform. Artikel 13 des neuen Urheberrechts sieht vor, dass zukünftig die Betreiber von Internetplattformen für mögliche Urheberrechtsverletzungen haften. Das würde bedeuten: Betreiber müssten jedes hochgeladene Bild und Video vor der Veröffentlichung prüfen. Hat die Plattform keine Lizenz mit den Urhebern abgeschlossen, darf es nicht veröffentlicht werden – denn sonst drohen Strafen.

 

…und das könnten die Auswirkungen sein

 

Kritiker nehmen an, dass die Durchsetzung des Artikels 13 zwangsläufig zum Einsatz von sogenannten Upload-Filtern führen wird. Upload-Filter, das sind Programme, die automatisch schon beim Upload prüfen sollen, ob fremdes Urheberrecht verletzt wird. Algorithmen seien aber bislang völlig ungeeignet, „zwischen Urheberrechtsverstößen und legaler Nutzung für Parodie oder Kritikzwecke zu unterscheiden“, so die Europaabgeordnete der Piraten, Julia Reda. Zukünftig müssten laut Reda „fast alle unsere Posts oder geteilten Inhalte online von einer ‚Zensurmaschine‘ vorab genehmigt werden“.

 

Influencer – die sind doch unpolitisch, oder?

 

Exakt gegen diese Sorge laufen Deutschlands prominente YouTuber nun Sturm. Für mehrere Millionen Abonnenten und Follower hat ihre Meinung eine enorme Bedeutung. Deshalb werden viele dieser meinungsmächtigen YouTuber auch als „Influencer“ bezeichnet. Mit ihren Videos, ihrer Persönlichkeit und ihrem Ratschlag üben sie einen hohen Einfluss aus. Ihre Meinung hat Gewicht.

 

Bislang wurde der Einfluss der Influencer im Generellen auf den Lifestyle bezogen, so zum Beispiel beim Gaming, bei Beauty-Produkten oder bei den Themen Fitness & Ernährung. Natürlich gab es schon in den vergangenen Jahren den einen oder anderen Aufruf dazu, wählen zu gehen oder Bekenntnisse einzelner YouTuber zu unseren Werten der Toleranz und Vielfalt. Dennoch: Eine derart große Anzahl von YouTube-Influencern positionierte sich bislang noch nicht zu einem ganz konkreten politischen Sachthema.

 

The Times They Are A-Changin‘

 

Es mag eine steile These sein, bereits von einer möglichen Zeitenwende der öffentlichen Einflussnahme zu sprechen. Doch die Sichtbarkeit bekannter Influencer beeindruckt. Ein Beispiel: Der YouTuber Julien Bam verfügt zurzeit über etwa 5,1 Millionen Abonnenten. Allein sein Video (ein sogenannter „Disstrack“) gegen den Artikel 13 erhielt innerhalb von zwei Monaten knapp 2 Millionen Klicks. Dabei ist Julien Bam noch nicht einmal ein politischer YouTuber wie etwa LeFloid (etwa 3 Millionen Abonnenten). Auch dieser hat übrigens den Kampf gegen den „Upload-Filter“ aufgenommen. Sein neues Video zum Thema hat seit dem 18. Februar innerhalb von zwei Tagen mehr als 280.000 Klicks erhalten:

 

 

Influencer: Quelle der Meinungsbildung

 

Im Vergleich: Die kumulierte verkaufte Auflage aller (!) fünf auflagenstärksten überregionalen Tageszeitungen in Deutschland liegt bei 2,37 Millionen Exemplaren. Man mag nun mit Recht begegnen, dass die verbreitete Auflage der Tageszeitungen noch um einiges höher liegt und auch Online-Angebote eine immer größere Rolle spielen.

 

Tatsache ist aber, dass mit den Influencern von YouTube und Co. eine neue meinungsbildende gesellschaftliche Gruppe entstanden ist. Diese Gruppe verfügt über ein gewaltiges Potential, die öffentliche (politische) Meinung zu beeinflussen. Das gilt ganz besonders, wenn sie für eine gemeinsame Mission agieren. Hinzu kommt: Für viele junge Abonnenten sind „ihre“ YouTuber die Quelle der Meinungsbildung. Ihre Videos werden gesehen, die von ihnen verlinkten Blog-Artikel werden gelesen und ihnen wird in vielen Fällen schlichtweg vertraut.

 

So werden prominente Influencer auch ihren Anteil am Erfolg der Petition „Stoppt die Zensurmaschine – Rettet das Internet“ gehabt haben, die EU-weit mehr als 4,7 Millionen Unterschriften sammeln konnte – alleine in Deutschland rund 1,3 Millionen. Sie wurde an diesem Montag, 18. Februar, der Bundesjustizministerin Katarina Barley in Form eines Sticks überreicht. Mit dabei war auch der bereits genannte YouTuber LeFloid, der die Aktion öffentlichkeitswirksam unterstützte.

 

Können Influencer auch im „echten Leben“ mobilisieren?

 

Nun gut, zugegebenermaßen ist das Online-Leben heutzutage wohl bereits fester Bestandteil des „echten Lebens“. Die Sichtbarkeit in der Offline-Welt wird aber auch künftig nicht durch die virtuelle Welt ersetzt werden können. Die EU-Kommission war sich dem wohl all zu sehr bewusst: In einem Beitrag auf der US-Bloggingplattform Medium bezeichnete die Kommission die Kritiker der geplanten Gesetzgebung diffamierend als „Mob“ („Die Urheberrechtsrichtlinie: Wie der Mob aufgefordert wurde, den Drachen zu retten und den Ritter zu töten“).

 

Mittlerweile hat die Kommission den Beitrag wieder entfernt. Doch diese Diffamierung bildet keinen Einzelfall. So ganz ernst nehmen Europaabgeordnete die Online-Aktivisten in der Öffentlichkeit nicht. In einem Twitter-Post sah der MdEP Sven Schulze die Kritiker implizit als Bots, die vermutlich von Google ins Feld geführt worden seien. Die Reaktion der angeblichen Bots war übrigens äußerst „analog“: Spontan kamen etwa 2000 junge Menschen – zumeist deutlich unter 30 Jahren – bei einer Demo in Köln zusammen.

 

Die neue Macht der Influencer

 

Im EU-Parlament wird vermutlich erst im April final über die Urheberrechtsreform abgestimmt. Bis dahin planen die Gegner, ihren Protest organisiert auf die Straße zu bringen. Am Samstag, 23. März soll es einen europaweiten Aktionstag gegen Artikel 13 geben (Details sind hier nachzulesen: https://savetheinternet.info/demos). Zahlreiche YouTuber posten zurzeit erstmals in ihrer YouTube-Karriere Videos mit politischem Inhalt. Sie rufen ihre Abonnenten nachdrücklich dazu auf, Teil des Widerstands zu werden und an den Demonstrationen teilzunehmen.

 

Sollten die Proteste im März ein überwältigender Erfolg werden, könnten sich viele Influencer ihres möglichen politischen Einflusses erst richtig bewusst werden. Ob sie auch dann weiterhin aktiv bleiben, wenn es sich nicht um ihre ureigensten Anliegen handelt, das mag schwer vorherzusehen sein. Eine zunehmende Politisierung einer relevanten Anzahl von Influencern ist aber nicht auszuschließen.

 

Ein Appell an Politik & Wirtschaft: Nehmt die Influencer schon heute ernst.

 

Sollten Influencer ihre Meinungsmacht zunehmend nutzen und tatsächlich Hunderttausende ihrer Anhänger zu den großen Themen unserer Zeit auf die Straße bringen, dann bedeutet das eine enorme Herausforderung für Politik & Wirtschaft. Wie geht man mit diesen Stakeholdern der neuen Art um? Und wie sehen mögliche Wege aus, die Millionen Abonnenten und Follower der Influencer sachlich korrekt zu informieren und aufzuklären?

 

Bereits 2015 lud Angela Merkel den politischen YouTuber LeFloid ins Kanzleramt ein und stellte sich seinen Fragen – und damit auch den Fragen seiner Community. Zunehmend suchen Politiker den Kontakt zu prominenten Influencern. Auch Unternehmen könnten Influencer zukünftig in ihre Werke und Headquarters einladen (aber ob diese dann auch kommen?), um sie – und damit ihre Online-Community – zu informieren.

 

Eines scheint jedoch klar zu sein: So ganz werden Wirtschaft, Politik und Medien die Influencer nicht ignorieren können. Denn ihre Meinungsmacht ist groß. Jetzt ist die Zeit, die neue Meinungsmacht ernst zu nehmen, sich die richtigen Fragen zu stellen und schon frühzeitig Antworten auf diese zu finden.


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