19. Februar 2013

Netzprotest: Es muss nicht gleich ein Shitstorm sein

Netzprotest: Es muss nicht gleich ein Shitstorm sein

Spätestens als der Shitstorm zum Anglizismus des Jahres 2011 gekürt wurde, war der Protest im Internet zum Medienphänomen aufgestiegen. Psychologen wurden befragt, Zahlenspiele angestellt und bereits der kleinste Konflikt roch nach Sensation.

 

Netzmensch Sascha Lobo fasste es treffend zusammen: „Seit der Begriff politisch in Mode gekommen ist, beklagt jeder Vizekreisvorsitzende schon einen Shitstorm, wenn jemand auf Twitter etwas ruppig nach der Uhrzeit fragt.“

 

Die Auswirkungen dieser beinahe hysterischen Protestform hängen jedoch nicht nur vom Umfang der negativen Kommentare im Netz ab, sondern auch von der Berichterstattung durch (andere) Medien.

 

Protest benötigt Plattformen, um wahrgenommen zu werden. Wenn es nicht gerade um gesellschaftlich relevante Themen wie die Preisgestaltung des Cheeseburgers bei McDonalds geht, kann der Shitstorm auch beinahe unbemerkt an der Öffentlichkeit vorbeiziehen.

 

Beim Twitter-Streit zwischen ProSieben und Fans der Boygroup One Direction war zumindest schnell die Luft raus.

 

Gerade Twitter mit seinem rasanten Informationsfluss bietet sich für aufbrausenden Protest an. Unternehmen und Institutionen können innerhalb kürzester Zeit attackiert werden. Dann wird meist lebhaft und phasenweise chaotisch debattiert.

 

Twitter lässt sich aber auch anders nutzen, als Plattform für einen ruhigen und geordneten Protest. Autobauer Tesla wird gerade über den Kurznachrichtendienst mit einer regelrechten Kampagne bedacht.

 

Nachdem die Reichweite des Elektroautos „Model S“ in einem Testbericht der New York Times kritisiert wurde, reagierte zuerst das Unternehmen selbst.

 

Tesla-Chef Elon Musk wies über das offizielle Blog auf Ungereimtheiten im Testablauf hin und untermauerte seine Aussagen mit Messdaten des Versuchsautos (woraufhin der verantwortliche Times-Journalist John M. Broder antwortete und zum Teil widersprach).

 

Dann jedoch machten sich auch noch sechs Tesla-Fahrer auf, die Testroute nachzufahren – laut Aussagen der Teilnehmer und Tesla selbst völlig spontan und ohne Einfluss des Unternehmens.

 

Messdaten und Erlebnisse posteten sie auf Twitter. Diesem „TeslaRoadTrip“ folgen derzeit rund 2.600 Nutzer. Relevante Daten wurden in Echtzeit verfügbar gemacht, jeder Nutzer konnte (und kann) das Geschehen direkt kommentieren.

 

Die Versuchsbedingungen sind transparent. Die Fahrer des TeslaRoadTrip hatten weniger Probleme als Journalist Broder. Die Anzahl der Follower mag vergleichsweise gering sein, doch zahlreiche Twitternutzer und (Online-)Medien reagierten auf die Aktion.

 

Sicherlich ist die Kritik an der Reichweite eines Elektroautos kein massentauglicher Aufreger und eine Kleingruppe von Autoliebhabern wesentlich organisierter als ein spontaner Protestzug tausender Internetnutzer.

 

Der TeslaRoadTrip zeigt jedoch, dass sich Ordnung und Unmutsbekundungen auf Twitter nicht ausschließen müssen. Eine Plattform, die für Shitstorms bekannt ist, wurde regelrecht argumentativ genutzt. Ein Beispiel für gelungenen Protest.

 

Unternehmen können sich an der Kampagne anschauen, wie gezielt auf Kritik reagiert werden kann. Auch wenn in diesem Fall offiziell die Fans der Marke die Urheber waren – es spricht wenig dagegen, einen Echtzeitversuch auch von Unternehmensseite anzustoßen.


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