5. Juli 2017

Mehr Kommunikation wagen!

Neulich, bei der NRW-Beteiligungskonferenz in Neuss, habe ich einen hervorragenden Vortrag gehört. Und zwar von Jörg Sommer, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Umweltstiftung. Herr Sommer sagte sehr viele kluge und scharfsinnige Sätze über Demokratie und über Bürgerbeteiligung. Er sagte aber auch etwas, das mich ziemlich wunderte: Vom Begriff der Kommunikation solle man sich in den genannten Zusammenhängen lieber verabschieden.

 

Dabei dachte der Redner wohl an diese bestimmte Form von PR-Kampagnen, die gegen den Vorwurf der Verdrehung von Tatsachen zu verteidigen für jeden neutralen Beobachter schwierig ist. Weil sie nicht darauf ausgelegt sind, Menschen zu informieren, geschweige denn in einen Dialog mit ihnen zu treten, sondern eher darauf, sie zu manipulieren. Und natürlich gibt es immer noch Unternehmen, die auf solche Kommunikationsstrategien setzen. Und dummer Weise gibt es auch – und vielleicht sogar zunehmend – Politiker, die solche Methoden einsetzen. Diejenigen, die man dem Typus ‚Populist‘ zurechnen würde, benutzen sie sogar ziemlich offen und schamlos.

 

Das also war es wohl, woran Jörg Sommer dachte, als er sagte: Kommunikation solle man lieber lassen, wenn es um echte demokratische Teilhabe und ehrlichen Meinungsaustausch gehe.

 

Zeit für Kommunikation 2.0

 

Nun stellt sich allerdings die Frage: Muss denn Kommunikation über politische, über strittige Fragen, die natürlich fast immer irgendwie mit Macht- und Geldinteressen verbunden sind, tatsächlich immer so ausfallen, dass einer den anderen nach Strich und Faden…nun, sagen wir freundlich, an der Nase herumführt? Selbstverständlich muss sie dass nicht, denn es gibt durchaus Möglichkeiten in gänzlich anderer Weise miteinander in Kommunikation zu treten. Und es wird höchste Zeit, dass diese Varianten von Kommunikation von der Ausnahme zur Regel werden.

 

Ja, es ist Zeit für ein Update unserer Kommunikation im öffentlichen Raum – und das übrigens nicht nur aus ethischen oder demokratietheoretischen Gründen, sondern weil Versuche, mit allen, auch mit unlauteren Mitteln, „Akzeptanz zu schaffen“ für Vorhaben, die Politik und Wirtschaft gegen den Widerstand weniger oder auch vieler Bürger/innen „durchzudrücken“ versuchen, immer öfter schlicht und einfach zum Scheitern verurteilt sind. Und das wiederum liegt daran, weil die zusehends selbstbewussten Bürgerinnen und Bürger in solchen Konflikten mit immer größerer Selbstverständlichkeit etwas einfordern, das der Psychiater und Kommunikationsforscher Paul Watzlawick schon Ende der 1960er Jahre als Voraussetzung eines gelingenden, eines gesunden Kommunikationsprozesses beschrieben hat: Akzeptanz.

 

Akzeptanz statt Ignoranz

 

Menschen suchen nämlich, so Watzlawick, in der Kommunikation nicht nur nach Verständnis in einem inhaltlichen Sinne, wollen also nicht nur, dass ihr Gegenüber begreift, was ihre Meinungen und Anliegen sind. Sie möchten auch als Person, als Mensch bestätigt und respektiert werden. Das gelingt immer dann besonders gut, wenn diejenigen, die über eine Sache reden, streiten, diskutieren, sich gegenseitig vermitteln: „Selbst, wenn wir Eure Meinung nicht teilen, vielleicht sogar rundweg ablehnen, so respektieren wir Euch doch und versuchen zumindest, Eure spezifische Situation zu verstehen.“ Und es schlägt garantiert grandios fehl, wenn ich meine Kommunikationspartner von der ersten Minute an als Bösewichte, Verrückte, oder Ahnungslose abstempele, deren Positionen nicht diskutabel sind und die zu verstehen unmöglich ist.

 

Wenn wir uns dagegen vor Augen führen, dass Kommunikation eben immer auch menschliches Miteinander bedeutet, Ringen um Akzeptanz, Respekt und gegenseitige Bestätigung, dann wird vieles einfacher. Plötzlich erscheinen die Ansichten und Interessen der anderen nicht mehr notwendig als Anmaßung oder absurdes Anliegen. Sondern als nachvollziehbare Positionen. Und plötzlich wird das möglich, was wir heute in so vielen Debatten im öffentlichen Raum vermissen: Ein vernünftiger und gelassener Austausch über das, was aus Sicht aller Beteiligten und Betroffenen geboten ist.

 

Die Haltung ist entscheidend

 

Wie man da hin kommt? Nun, es gibt recht einfache Methoden der (Selbst)beobachtung und der Gesprächsführung, in denen sich die oben beschriebenen Ansichten wiederfinden, und die enorm helfen können, eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens auch in konflikthaltigen Auseinandersetzungen herzustellen. Entscheidend sind aber am Ende vielleicht weniger die Methoden, als eine Haltung. Und spätestens hier geht es wirklich um Ethik: Betrachte den Menschen niemals als Mittel, sondern stets als Zweck!, hat einst Immanuel Kant gefordert. Wollen wir respektvoll auf Augenhöhe miteinander kommunizieren, müssen wir diese Forderung beherzigen.

 

Und vielleicht hilft dabei denjenigen von uns, die allein schon aus einer alten Gewohnheit heraus dazu neigen, andere Menschen zu etwas zu überreden oder ihnen sogar etwas aufzunötigen, das aus der eigenen Sicht das Beste und Richtige ist, die folgende Einsicht: Kommunikation im 21. Jahrhundert funktioniert immer seltener auf diese Weise. Und selbst wenn sie kurzfristig Erfolg hat, erzielt sie auf jeden Fall alles andere als stabile, als nachhaltige Ergebnisse. Um das einzusehen, muss man wahrlich kein Graswurzelaktivist sein.

 

Und insofern hat Herr Sommer vollkommen recht: Ein solches althergebrachtes und mittlerweile wirklich altbackenes Verständnis von Kommunikation hat mindestens dort, wo es um den politischen Austausch im öffentlichen Raum geht, nichts mehr zu suchen. Deshalb allerdings mit der Kommunikation für immer abzuschließen, wäre gerade der falsche Schluss. Im Gegenteil. Das Motto der Zukunft muss vielmehr lauten: Mehr Kommunikation wagen!

 


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