8. Februar 2017

Ich gegen alle? – Warum eigene Interessen Teil des Dialogs sein müssen

 

Bürger vertreten doch immer nur ihre eigenen Interessen. Warum also sie beteiligen, wenn das Gemeinwohl sie nicht interessiert. – Zwei Sätze wie ein (Vor-)Urteil. Und zwar eines, das man ernst nehmen sollte.

 

Denn nur zu schnell sind Bürgerinnen und Bürger, die ihre Anliegen vertreten, auf den ersten Blick vor allem eines: dagegen. Sogenannte „Wutbürger“ par excellence, deren Glaubensbekenntnis gleichsam zwangsläufig in  fünf Lettern zusammenfassbar zu sein scheint: NIMBY.

 

Grabt, baut, erhöht, erweitert und modernisiert gerne – aber: Not In My Backyard! Mit dieser Haltung, so der häufige Vorwurf, untergraben Einzelne demokratische Entscheidungsprozesse und gefährden fachlich und wirtschaftlich richtige Entscheidungen. Kurz: Sie stellen ihre eigenen Interessen über das Gemeinwohl.

 

Unbestritten ist, dass, wer sich engagiert, bestimmte Interessen verfolgt. Und zwar meistens die eigenen. Doch – diese Frage sollte erlaubt sein – warum bloß geht die Gesellschaft nahezu selbstverständlich davon aus, dass Einzelne im Namen der Mehrheit Beeinträchtigungen und negative Veränderungen ihres Umfelds klaglos akzeptieren?

 

Warum soll jemand den Windpark vor seinem Gartenzaun hinnehmen, ist er doch gerade wegen der unberührten Natur hinaus aufs Land gezogen? Warum soll er das geplante Logistikzentrum in seiner Nachbarschaft begrüßen, das ihm voraussichtlich starke Lärmbelastung bringt und sonst nichts? Für die Arbeitsplätze, die Wirtschaft, das Wachstum, die nächste Generation – also: das Gemeinwohl, so der argumentative Automatismus.

 

Eigensinn? Ist grundsätzlich gut …

 

Unbestritten ist,  dass sich die meisten Bürgerinnen und Bürger guten Argumenten nicht verschließen. Oftmals wollen sie mit ihren Sorgen und Bedenken oder auch Ideen nur gehört und – im Idealfall – erhört werden.

 

Geschieht dies jedoch nicht, erwacht der Kleist’sche Michael Kohlhaas in so manchem: Ich muss mir selbst Recht verschaffen! Ich muss laut werden! Gegen „die da oben“! Und zwar richtig! Doch was ist angemessen? Und was „wutbürgerlich“?

 

Fest steht: So individuell und manchmal auch egoistisch die Interessen von Betroffenen sein mögen, legitim sind sie allemal. Und, das gehört ebenso zur Wahrheit, auch die Anderen zielen keineswegs altruistisch auf das große Ganze:

 

Jeder Vorhabenträger, jeder Investor, jede Behörde und jeder Stadtrat vertritt jeweils in erster Linie Einzelinteressen. Nämlich solche, die die eigene Institution verfolgt oder der persönlichen Haltung entsprechen, wirtschaftlich notwendig oder politisch gewollt sind.

 

Essentiell für den gesellschaftlichen Frieden ist vielmehr, dass diese Partikularinteressen ausgesprochen werden dürften, ohne gewichtet oder gar abqualifiziert zu werden. Nur wenn verschränkte Arme und unwilliges Kopfschütteln den Bemühungen um ein ehrliches Verständnis für die Positionen der Anderen weichen, können Dialog und Beteiligung gelingen.

 

Die Wirtschaft in NRW ist diesen Schritt in der letzten Zeit bereits gegangen. Sicherlich noch nicht vollständig, aber durchaus ernsthaft. Nun ist es an so mancher Bürgerin und so manchem Bürger.

 

Wer den Schutz der Zauneidechse vorschiebt, obwohl er sich eigentlich um den Wert seines Grundstücks sorgt, tut der Bürgerbeteiligung keinen Gefallen. Denn: Erst wenn das vorgegaukelte Gemeinwohl einem ehrlichen und klar benannten Eigeninteresse gewichen ist, kann ein konstruktiver Dialog beginnen.

 

Schließlich geht es letztlich darum, die zahlreichen Partikularinteressen in Lösungen zu überführen, die für möglichst viele Menschen im Land akzeptabel sind – und damit dem Gemeinwohl zu Gute kommen.

 


ein Kommentar zu “Ich gegen alle? – Warum eigene Interessen Teil des Dialogs sein müssen”


  • Holger Mayer sagt:

    Wobei Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit der Projektdurchführenden auch dazu gehören. Und da mangelt aus aus meiner Erfahrung leider sehr häufig an beidem.

    Beispiele sind Nach-und-Nebel-Fällaktionen, die fehlende Umsetzung von Ausgleichsmassnahmen oder wie hier bei uns gerade ganz exemplarisch eine Pipeline, deren Linienführung vor 3 Jahren damit begründet wurde, dass so eine klimaschädliche Verdichterstation eingespart würde. Noch im gleichen Jahr der Fertigstellung kam in unserem Großraum südlich Hamburg eine Verdichterstation in den Bundesnetzplan und jetzt soll diese Verdichterstation genau dort realisiert werden, wo sie ursprünglich aus Klimagründen halt nicht vorgesehen war.

    Da darf man sich dann nicht wundern, wenn der Bürger sich um seine Interessen kümmert. Denn wer macht es sonst?

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